Bulimie - Verzerrung der Empfindungen

Das Interview zum Frühkindlichen Autismus: Ordnung statt Geselligkeit

Hmmm … ich bin auf … ähm … auf einer freien Fläche. Und es ist
auf einmal dunkel, fast schon finster und Nebel. Und um mich herum
sind viele kleine Lichtpunkte die sich bewegen und mich blenden. Es
ist übelst starker Wind. Mir ist kalt.
Und ich habe keine Schuhe an und suche eigentlich etwas was mich vor Kälte,
Wind und Natur schützt. Und kann auch nichts finden.

Mmh.

Lichtpunkte sind nicht fest, an denen ich mich orientieren kann. Sie
schwirren immer rum und ich werde trotzdem von irgendwas Größerem noch
geblendet. Wie Autoscheinwerfer … aber die kann ich … die bleiben
immer auf der Höhe. Die gehen nicht weg oder kommen näher.

Ok. Während die Lichtpunkte sich immer wieder verändern?

Ja, genau.

Mmh.

Die Lichtpunkte sind auch nicht so, dass sie mich blenden. Sondern
diese 2 Scheinwerfer die blenden mich, dass ich meinen Arm um die
Augen legen muss, damit ich trotzdem noch irgendwie den Weg sehe.
Und … nicht so schlimm, aber (unverständlich) eher so flüsternd und es
kommen keine klaren Sätze raus … das ist eher so ein Genuschel.

Mmh. Wo kommt das denn her?

Das ist …

Um Dich herum oder?

Ja. … Um mich herum … und … dann … das wirkt auch bisschen wie
ein Albtraum, wie so ein Fiebertraum so ein bisschen, aber es fühlt
sich alles echt an und ich wünsche mir lediglich, dass ich das träume,
aber ich bin da voll drin.

Mmh.

Ich habe auch nur zerrissene Kleidung an. Die mich kaum schützt. Und
bin auch wackelig auf den Beinen, die Füße sind auch aufgeschnitten
schon, tun auch weh.
Zwischendurch tue ich rennen, weil ich Angst habe. Und immer wenn ich …
also ich sehe manchmal Menschen, aber die tauchen dann eher als Hologramm
auf.

Und was meinst Du mit Hologramm?

Also, als ob die dann … als zweidimensionales Objekt hinter dem
Nebel kurz vorgucken. Und da sehe ich … ähm … ganz alte Figuren,
wie auch an der Kirche. So Wandmalereien. Oder an Kirchenfenstern.
Also Jesuszeiten oder davor oder danach, solche Figuren. Und dann aber
auch immer wieder Figuren von einem Geschäftsmann aus der heutigen
Zeit. Und auch von einer Priesterin oder einer Nonne. Auch das kommt
… ploppt dann immer auf und die … sind auch alles Standbilder, die
immer nur …

Mmh. Kann das etwas bedeuten? Gibt es da Gemeinsamkeiten?
Überschneidungen?

Also, alle gucken mich an. Wenn sie auf … wenn ich sie sehe … und
alle gucken streng. Und … es werden irgendwie alle Zeitalter
bedient. Also auch Mittelalter, die Bibelzeit, 20-iger Jahre oder auch
die jetzige Zeit. Da sind dann Personen die dann … egal ob Männer
oder Frauen … die alle einfach hochkommen und das Bild mich dann
anguckt und dann geht es wieder weg.
Ich höre jetzt auch nicht nur Genuschel sondern auch paar Verkehrsgeräusche
oder Baulärm. Und das ist alles sehr anstrengend, dass ich mich am liebsten
Hinsetzen will.

Wie spürst Du Dich? Was fühlst Du an Dir?

Relativ wenig. Ich fühle mich eher klein und leicht. Meine Schultern
fühlen sich schwer an, aber ansonsten ist das alles so … also ich
könnte eigentlich schweben, weil ich nicht … keine
Erdanziehungskraft so richtig spüre. Fühle mich eher zu leicht. Und ..
das Einzige was .. was fest ist, oder .. das ist so ein Druck im Bauch
oder im Brustkorb. Aber .. selbst fühle ich mich eher sehr leicht und
.. es fühlt sich auch übelst verzerrt an alles. Meine Beine nehme ich
fast gar nicht wahr, außer wenn die Füße weh tun.
Und .. da ist so ein Druck im Körper, der sich ausbreitet. Wie wenn man
einen Ballon aufbläst …

Ja …

Und dann wird der Körper immer breiter und der Druck geht dann den
Kopf hoch, auf die Gefäße. Und ja … ich spüre auch Traurigkeit und
Verzweiflung … und sehe mich da .. also ich beobachte die ganze Zeit
.. ich bin da so ein verwahrlostes Ding. Dünn, groß, kaputte
Klamotten, verzweifelt und bin so .. also voll das .. aussichtslos,
hoffnungslos .. ja …

Ja, und Du hast ja von diesen verschiedenen zweidimensionalen Menschen
erzählt, zwischen den Zeiten. Kann das was mit Dir zu tun haben;
erzählt das was über Dich?

Also der .. der eine Geschäftsmann strahlt die größte Strenge aus, die
ich da wahrnehme und fühle. Und wenn ich das länger anschaue das Bild,
dann … ähm … also, es geht mir besser, wenn ich nicht hinschaue.
Und es ist jetzt niemand aus der Familie, aber schon .. als ich habe
mit dem .. also er wirkt wie ein Chef, ein Abteilungsleiter .. der
jetzt die Menschen nicht achtet.
Die eine .. Priesterin und Nonne .. die .. ähm .. die wirkt auch so als
ob sie mich nicht annimmt .. oder eher abstößt.

Ja.

Genau.
Und die Figuren aus Jesuszeiten die verachten mich .. ähm .. schließen
mich aus oder grenzen mich aus und reden über mich.
Ja .. und ich will da einfach nur noch weg .. und komme aber nicht weg,
weil es dann nur noch präsent ist.

Mmh. Und was hält Dich denn da so, was hält euch so in Kontakt
zueinander? Vielleicht kannst Du so in diesen Raum so zwischen euch
hineinfühlen.

Es ist als ob in mir soviel Trauer ist und in den anderen soviel Wut
und Strenge und Abneigung, dass ich sich das gegenseitig .. ähm .. am
Leben hält. Also es geht nicht weg, weil meine Trauer zu groß ist und
immer wieder Futter bekommt durch die Ausstrahlung der Anderen. Oder
das was ich da sehe .. also ich nehme das immer mit. Egal wo ich
hingehe, es verfolgt mich halt. Ich kann das nicht ausschalten. Es
zieht mich nach oben.

Mmh.

Und ich komme da auch nicht in Kontakt mit denen .. die da immer ..
fiktiv sind.

Aha. Fiktiv. .. Was heißt das, die sind fiktiv?

Die entstanden oder entstehen aus meinem Gedankengebäude und habe das
aber alles ganz real integriert. Also es ist so echt, dass ich .. das
Gefühl habe, ich habe mit denen eine Verbindung.
Ähm …

Okay.

Erhalte das aber dadurch am Leben .. und die Trauer ist ja trotzdem so
verankert, dass die dem dann wieder Energie gibt.

Und .. wie wünschst Du es Dir denn?

Ähm .. dass ich das alles vergesse und auch wieder Freude finde und
Kraft .. und ich möchte auch diese .. diese Strenge nicht mehr spüren,
die ich vielleicht .. ähm .. auch ohne die Bilder wahrnehme .. in mir.
Und ich sehne mich nach Wärme und Liebe .. aber … weiß nicht, wo ich
das suchen soll. Ich suche halt im Außen, und finde da aber nichts. Ja.
Also es ist irgendwie alles .. in mir .. und dann kommt es raus. Und dann
bleibt es draußen, und ich kriege es nicht mehr rein. Und kriege auch nichts
anderes mehr raus, also ich kriege nichts Gutes raus, kein Glück, keine
Kraft, keine Liebe sondern nur das Schlechte und das bleibt dann draußen
und dann kommt dieses, kommt diese … oder diese fiktiven Figuren, die
ich irgendwie nicht mehr dirigiert bekomme. Die kann ich nicht mehr aufnehmen.

Mmh. .. Und was, was bräuchtest Du so in Dir oder an Dir um es wieder
so zu integrieren?

Ähm .. ich bräuchte oder ich brauch ganz viel .. also es geht auch
alles so wahnsinnig schnell und überstürzt. Ich brauche da mehr Ruhe.
Und auch .. ich brauche irgendeinen Glauben, der mich, der mir
Hoffnung gibt, dass das auch wieder verschwindet, dass es auch wieder
anders sein kann. Also ich sehe mich da jetzt so betend, oder die
Brust halten, dass ich da irgendwie was anderes spüre. Ähm, und ich
brauche irgendeinen Schutz, der mir Sicherheit gibt. In Form von ..
von ner Decke oder von irgendwas was mich … was mir Halt gibt oder
Wärme spendet. Oder ein Haus, oder eine Kirche oder ein großer Baum
unter den ich mich legen kann.

Ja, klar. Mmh. Und ich werde Dich gleich wieder an der Stirn berühren,
und Du gehst wieder in eine Situation, in der Du genau das brauchst.
Ganz egal, wie alt Du da bist, Du gehst in eine Situation, in der Du
genau das brauchst. Ich berühre die Stirn und ich zähle von 5 bis 0
runter und Du gehst in diese Situation und erlebst Dich wieder in
dieser Situation. 5 .. 4 .. 3 Du kommst langsam an .. 2 bist fast da
.. 1 Du bist da und 0 Du fühlst Dich in dieser Situation.
Was passiert?

Ähm … ich bin noch sehr, sehr jung. Und .. ich weiß nicht wie ich
dahin gekommen bin. Ich bin … ich liege im … im Kinderwagen .. und
das ist .. und ich wache dort auf .. und es ist viel zu kalt. Mein
ganzer Körper zittert .. und .. alles ist versetzt. Ich sehe was und
dann schaue ich dem Bild nach und das kommt erst viel später, dass ich
schon, dass das schon ein neues Bild ist. Und .. mir ist so kalt und
ich zitter so stark, dass ich mich noch nicht ausdrücken kann. Dass
ich da jetzt Hilfe brauche. Und meine Eltern .. die nehmen mich da
jetzt nicht wirklich wahr .. und ich komme da nicht so richtig in die
.. in das Detail .. weil irgendwas mich dort zurückhält und die Zeit
sich verschiebt. Ich kann nicht sofort losschreien und muss die Kälte
erstmal irgendwie überwinden und aushalten. Und es fühlt sich so lange
an …

Mmh.

Und .. ich weiß, wenn ich mich jetzt mitteilen kann, dann werde ich
rausgeholt und in die Arme genommen .. von beiden. Aber da ist so ein
… so eine Verzerrung von Empfindungen. Denn ich beobachte das jetzt
zwar von außen …

Ja.

Und mir ist da kalt und .. ich schreie und werde in den Arm genommen
und ich nehme das viel länger war und .. keine Ahnung .. mich sofort
mich mitteilen, das ist alles viel zu lang von der ersten Empfindung
bis zum Sprechen .. fühlt sich an wie eine Stunde.

Mmh.

Und das ist so schlimm.

Bedeutet das, dass wenn Du schon im Arm bist und gewärmt wirst …

Genau …

Dass Du Dich noch im Kinderwagen in der Kälte fühlst?

Richtig.

Dass Du noch nicht angekommen bist, da wo Du eigentlich schon bist?

Genau. Genau.

Aah. Das meinst Du mit Verzerrung.

Genau.

Mmh. Was führt zu dieser Verzerrung, zu diesem Unterschied?

Pfuh .. das sieht aus als ob .. also ich sehe da böse Menschen und
Geister und Dämonen, die mich da einfach im Kindergarten .. ähm ..
festhalten und das so aussehen lassen als ob es, und mich auch spüren
lassen, dass sich das viel zu lange anfühlt.

Mmh.

Die mich umklammern und greifen und … ich wehre mich natürlich, aber
.. die sind stark und ich bin stark und .. irgendwann melden sich ja
dann die Eltern und holen mich raus .. und die durchbrechen das aber
die Zeit davon ist fast schon ein Kampf um nicht in die dunkle Welt
einzutauchen oder reingezogen zu werden.

Mmh.

Ähm .. und ich wache halt auf und die sind halt plötzlich da. Ja.

Mmh.

Und ich weiß jetzt auch nicht wo die herkommen und habe dann auch
Angst wieder in den Kinderwagen reinzugehen.

Aber Du sagst ja, Du bist einerseits schon in den Armen Deiner Eltern
und fühlst Dich aber durch diese Verzerrung im Kinderwagen.

Ja.

Was von Dir ist noch nicht im Arm Deiner Eltern?

Also .. die komplette .. ähm .. die Empfindung ist noch nicht im Arm
meiner Eltern.

Mmh.

Die schützende Wärme, die Kraft des Vaters oder die Liebe der Mutter
ist … also lediglich, ich sehe das, dass ich schon … also die
äußerste Hülle ist schon bei meinen Eltern, aber alles was spürt und
wahrnimmt ist noch voll im Kinderwagen drin.

Ah, ja. Mmh. Jetzt verstehe ich Dich. Mmh.

Genau das … wird erst Stück für Stück mit rübergezogen .. je nachdem
wie lange der Kampf dort dauert. Ja, genauso.

Mmh.

Und wenn das dann drüben ist, dann ist alles schön.

Ja.

Dann habe ich das, was ich wollte. Und habe diese Innigkeit zwischen
den Menschen. Zwischen den Eltern und mir.

Mmh. Und kannst Du da so für Dich etwas mitnehmen oder etwas lernen?
Vielleicht etwas ableiten für Dich?

Also .. es gibt halt Kämpfe oder Sachen die mich zurückhalten, .. die
nicht wollen, dass ich meine Empfindung wahrnehme oder preisgebe. Und
es ist ganz wichtig, da trotzdem sich dem zur Wehr zu setzen. Und egal
wie lange es dauert .. ähm .. versuchen dort wieder wegzukommen und
sich auch allen mitzuteilen, dass man jetzt eine Empfindung hat, wo
man Hilfe braucht oder Schutz. Und auch wenn es nicht gleich
funktioniert nicht aufhören. Trotzdem immer weiter machen, auch wenn
es immer schwieriger wird. Also .. egal ob man jetzt im Treibsand
untergeht, trotzdem irgendeine Bewegung zulassen und sich nicht
reinziehen lassen. Immer mitteilen.

Ja, prima. Ganz wichtig. Und jetzt werde ich wieder Deine Stirn
berühren und Du gehst jetzt in die jetzige Zeit. In den November 2021,
vielleicht in den Dezember 2021 und schaust wo in welchem
Lebensbereich bei Dir das ganz wichtig ist. Ich berühre die Stirn,
zähle wieder runter von der 5 bis zur 0. Du kannst Dich in genau so
einer Situation, in so einem Anliegen, das Du in Dir hast
wiederfinden. 5 .. 4 .. 3 bist fast da .. 2 .. 1 Du bist da .. 0
fühlst Dich in dieser Situation, in diesem Anliegen … was passiert?

Also erstmal .. jetzt .. also mir ist jetzt flau im Magen und …

Ja …

Und das ist ein Gefühl, als ob mir schlecht ist. Also richtig schlecht
sogar. Und ich sehe da so eine Situation und merke wie jemand was zu
mir sagt. Weiß jetzt nicht ob das ein Familienangehöriger ist oder ein
Klient oder jemand anders. Ich merke so richtig .. wie mir .. das die
kompletten .. alle Organe im Bauch umdreht. Und .. ich das eigentlich
dann .. sonst immer so in kleinen … nichts gesagt habe. Und jetzt
habe ich da so eine starke körperliche Empfindung, dass ich denen das
.. unbedingt mitteilen muss und sagen muss, dass das was er mir jetzt
gesagt hat, hat in mir jetzt so ein ekelhaftes Gefühl ausgelöst, dass
ich jetzt erstmal mich hinsetzen muss und … dem anderen jetzt sagen
muss, dass es mir wegen ihm schlecht geht.

Ja. Mmh.

Und ich weiß nicht mehr, was er gesagt hat. Aber irgendwas hat es in
mir einfach kurzerhand ausgelöst. Und jetzt teile ich mich meinem
Körpergefühl .. teile ich jetzt dem anderen einfach mit.
Und wenn ich das jetzt so durchspiele, dann .. ist mein Bauch so, fühlt
er sich wieder weich an und der Kopf ist jetzt .. wird bisschen fester
und schwerer. Aber, dass es mir nicht gleich die Beine wegzieht oder den
Magen umdreht ist ein bisschen besser. Und der andere, der wusste gar nicht
wie ihm geschieht, und sieht auch etwas .. ähm .. erstaunt aus und dann
auch wieder liebevoll und so bisschen dankbar und dann lachen wir auch
beide wieder.

Mmh.

Aber .. um diese Empfindung zu durchleben und auch wieder loszulassen
ist es wichtig, dass ich das dann einfach frei heraus spreche.

Ja. Und es ist wichtig, Dich entsprechend Deinem Körpergefühl
mitzuteilen. Nimm das einmal bewusst wahr, was Du erkennst und fühlst
und jetzt weißt über Dich in solchen Situationen. Das kannst Du ganz
tief in Dich aufnehmen, dieses tiefe Wissen.
Was fühlst Du?

Ähm … Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich .. äh .. in der Lage .. so
wie ich jetzt bin, durch Zeit und Raum verschwinde. Und überall kommen
Farben und Warmluftströme. Und es ist so angenehm.

Ja, schön. Dann nimm Dir noch die Zeit das zu fühlen.